Neujahrsvorsätze: Deswegen scheitern sie und das kannst du dagegen tun

  • Neujahrsvorsätze richtig fassen

Mehr Sport treiben, weniger Süßigkeiten essen, mit dem Rauchen aufhören – sobald sich das Jahr dem Ende neigt, werden sie fleißig gefasst: die Neujahrsvorsätze. Doch weshalb fassen wir Vorsätze, warum scheitern sie so oft und wie kann man sein Verhalten doch nachhaltig verändern?

Neujahrsvorsätze sind kein neuer Trend

Wusstest Du, dass bereits unsere frühen Vorfahren zur Jahreswende unter Druck standen, gewisse Verpflichtungen für das neue Jahr einzugehen? Während die Babylonier vor 4000 Jahren versprachen, Leihgaben zurückzugeben und mögliche Schulden zu begleichen, um bei ihren Göttern nicht in Missgunst zu verfallen, legten später auch die Römer neben Opfergaben vor ihrem Gott Janus ihre Gelübde ab. Historiker sehen hier den Ursprung für unsere heutigen Neujahrsvorsätze. Heute sind unsere Vorsätze dennoch etwas komplexer als die der Babylonier. Ist das vielleicht der Grund dafür, dass die meisten Neujahrsvorsätze spätestens im März mit einem Schulterzucken aufgegeben werden?

Weshalb fassen wir überhaupt Neujahrsvorsätze?

Es ist uns Menschen wichtig, ein positives Bild von uns selbst zu haben. Wenn wir am Jahresende Bilanz ziehen, fallen uns eventuell Verhaltensweisen auf, die nicht mit unserem positiven Selbstbild übereinstimmen. Daraus kann Unzufriedenheit, Enttäuschung und Traurigkeit resultieren. Nach dem weihnachtlichen Exzess meldet sich langsam die disziplinierte, innere Stimme zurück und wir reflektieren das zurückliegende Jahr. Mit noch vollem Magen sind wir besonders motiviert und zuversichtlich, unser Verhalten im kommenden Jahr ändern zu können.
Eine weitere Motivation, unser Verhalten zu ändern, liegt in unserem sozialen Umfeld. Menschen haben ein starkes Bedürfnis nach Zugehörigkeit. Wir wollen gemocht und anerkannt werden. Wenn wir merken, dass unser Verhalten nicht dem unseres engen Umfelds entspricht, entsteht in uns das Bedürfnis, unser Verhalten anzupassen. Auch Erwartungen und Ideale der Gesellschaft, in der wir leben, beeinflussen uns. Wir leben in einer Gesellschaft, in der unter anderem ein schlanker Körper mit Erfolg, Attraktivität und Leistungsfähigkeit verbunden wird. Nicht nur in sozialen Medien und im Fernsehen werden wir immer wieder mit solchen Botschaften konfrontiert. Mit der Zeit werden diese Botschaften verinnerlicht. Gerade, wenn wir uns sozialer Normen nicht bewusst sind, kann das in uns ein Bedürfnis nach einer Verhaltensänderung auslösen – und in Neujahrsvorsätze münden.

Wieso scheitern Neujahrsvorsätze meist?

Wir Menschen finden es also unangenehm zu bemerken, dass unsere Verhaltensweisen nicht zu unserem positiven Selbstbild passen. Haben wir uns erfolglos vorgenommen, sportlicher zu sein, so reden wir uns ein, dass eine regelmäßige sportliche Ertüchtigung sowieso überbewertet ist. Und eigentlich sei man ja auch gar nicht so unsportlich. Diese Art des Denkens ist für uns bequemer als die aktive Veränderung des eigenen Verhaltens. Dieses Phänomen hat Leon Festinger in seiner Theorie der kognitiven Dissonanz 1962 erstmals beschrieben. Bewusst wird uns das meistens erst, wenn wir feststellen, dass wir die neue, teure Fitness Mitgliedschaft in den ersten zwei Monaten kaum genutzt haben oder wenn wir herunterspielen, wie wichtig uns dieser Neujahrsvorsatz ursprünglich war.

Obwohl Neujahrsvorsätze unser Verhalten ändern können und so gleichzeitig unser Selbstwertgefühl positiv beeinflussen, scheitern viele daran, die Vorsätze in die Tat umzusetzen. Erkenntnisse aus der Motivationspsychologie können uns dabei helfen, Verhaltensweisen nachhaltig zu ändern.

So kannst Du negative Verhaltensweisen nachhaltig ablegen

Laut der Zielsetzungstheorie von Locke und Latham ist es bedeutsam, Neujahrsvorsätze zu fassen, die Dich herausfordern. Das mag im ersten Moment paradox klingen, aber herausfordernde Ziele resultieren in einer besseren Leistung als Ziele, die für Dich leicht erreichbar erscheinen. Gleichzeitig solltest Du versuchen, Deine Kenntnisse und Fähigkeiten so realistisch wie möglich einzuschätzen. Ein zu hoch gesetztes Ziel kann überfordern und zu Misserfolg führen, der demotivierend wirkt. Wer es schafft, mit seinem Vorsatz die Balance aus Herausforderung und Machbarkeit zu finden, kann dauerhaft motiviert bleiben, das Ziel zu erreichen.

Des Weiteren ist es für Deine Motivation wichtig, Deinen Neujahrsvorsatz so spezifisch und präzise wie möglich zu formulieren. Eher hinderlich wäre eine Formulierung wie: „Ich möchte sportlicher werden“, hilfreich hingegen: „Ich habe mein Ziel erreicht, wenn ich jedes Wochenende zwei Stunden ins Fitnessstudio gehe.“ Dein Fortschritt sollte überprüfbar sein.

Weitere wichtige Einflussfaktoren sind …

… wie sehr Du Dich Deinem Ziel verbunden fühlst. Das Ziel sollte für Dich persönlich relevant und bedeutsam sein. Beispielsweise sind sportliche Neujahrsvorsätze, die die eigene Gesundheit betreffen, meist wesentlich motivierender als solche, die wir uns aus Eitelkeit setzen.

… wie sehr Du an Deine Selbstwirksamkeit glaubst. Wer grundsätzlich davon überzeugt ist, Herausforderungen gut zu meistern, kann auch mit Rückschlägen auf dem Weg zum Ziel besser umgehen. Vielleicht hast Du bereits in der Vergangenheit positive Erfahrungen mit Deinem Ziel gesammelt und weißt, dass Du es schaffen kannst?

… wie komplex Dein Ziel ist. Wenn Du Dir ein komplexes Ziel aussuchst, beispielsweise nächstes Jahr bei dem New-York-City-Marathon mitzulaufen, solltest Du beachten, dass Du bereits sehr viel Kapazität für die Vorbereitung aufwenden musst. Für die eigentliche Aufgabe – in diesem Fall, Ausdauer aufzubauen – bleiben dann zu wenige Kapazitäten übrig. Das kann eher zu Misserfolgen führen, die wiederum Deine einflussreiche Selbstwirksamkeit schmälern.

Bevor Du Deinen Neujahrsvorsatz in den Freundeskreis posaunst, ist es also wichtig, diesen für einen Moment zu reflektieren. Fordert Dich Dein Vorsatz? Hast Du Deine Fähigkeiten und Ressourcen realistisch eingeschätzt? An welchen Zwischenzielen kannst Du Deinen Erfolg regelmäßig überprüfen? Warum ist dieser Vorsatz überhaupt wichtig für Dich?

Kannst Du alle Fragen zu Deiner Zufriedenheit beantworten? Dann nichts wie los!

Was Du bei all dem nicht vergessen solltest: Es ist vollkommen in Ordnung, überhaupt keine Neujahrsvorsätze zu fassen. Lass Dich nicht von Deiner Familie, Deinem Freundeskreis und schon gar nicht von Fremden unter Druck setzen. Sicherlich hat auch der ein oder andere Römer kein Gelübde vor Janus abgelegt. Letztlich bietet jeder Tag die Chance, das eigene Leben umzukrempeln und eine neue Gewohnheit zu entwickeln. Dafür braucht es keinen ersten Januar 2020 – oder, um mit den Worten von Mahatma Gandhi zu schließen: “Heute ist der erste Tag vom Rest Deines Lebens”.

 

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Adrian Wangerin

Adrian Wangerin