Flugangst: Wenn der Urlaub unmöglich wird

  • Flugangst

Urlaub bedeutet nicht für jeden gleich Ruhe und Erholung. Psychische Belastungen stehen einer entspannenden Auszeit oft im Weg. So zum Beispiel Phobien und Angststörungen, die in Deutschland zu den häufigsten psychischen Belastungen gehören. Für manche ist schon die Anreise zum Urlaubsort gar nicht möglich – sie leiden unter Flugangst. Dieses Jahr kommen aufgrund der Corona-Pandemie für viele Menschen vielleicht sogar ganz neue Ängste in Bezug auf das Thema Urlaub hinzu. Auch Isabel leidet unter Flugangst. Das letzte Mal ist sie vor drei Jahren geflogen, weite Reisen hat sie noch nie unternommen.

Was ist Flugangst?

Flugangst, auch Aviophobie genannt, zählt zu den spezifischen Phobien. Diese äußern sich durch eine unverhältnismäßige Angst vor einem bestimmten Objekt oder einer bestimmten Situation, in diesem Fall vor einem Flugzeug, einem Flughafen oder dem Fliegen. Auch die Angst vor konkreten Gefahren, wie zum Beispiel einem Absturz, können vorkommen. Bei vielen Betroffenen ist die Angst so stark, dass sie gar nicht mehr fliegen können. Als Isabel das letzte Mal am Flughafen war, wollte sie eigentlich nach Australien fliegen, zur Hochzeit einer Freundin. Die Reise war lange geplant, Isabel hatte sich Beruhigungsmittel verschreiben lassen und sich auf den Flug vorbereitet. Sie hatte sich auf die Reise gefreut und sich fest vorgenommen, den die Angst zu überwinden, den Flug durchzuziehen, endlich wieder zu fliegen, obwohl sie schon einige Wochen vor Beginn der Reise mit Flugangst zu kämpfen hatte. Doch kurz bevor es losging, bekam sie eine Magenschleimhautentzündung. Die Angst nahm überhand, sie traute sich nicht zu fliegen. Solche psychosomatischen Symptome sind bei Phobien nicht selten. Das bedeutet, dass psychischer Stress die körperliche Gesundheit beeinträchtigen kann.

Wie entstehen psychosomatische Beschwerden?

Es gibt verschiedene Theorien, warum psychosomatische Beschwerden entstehen können.

  • Konversionstheorie: Ein unbewusster innerer Konflikt wird in den Körper verlagert und verursacht so physische Beschwerden.
  • De- und Resomatisierungstheorie: Diese beiden Theorien der Psychosomatik und der Entwicklungspsychologie beschreiben zwei Gegensätze. Desomatisierung meint, dass im Laufe der Entwicklung eines Kindes bestimmte Organe im Fokus stehen. Wird diesen von außen physische Zuwendung geschenkt, zum Beispiel durch Berührung, wirkt sich das positiv auf die Entwicklung aus. Resomatisierung meint das Gegenteil und versucht psychosomatische Beschwerden zu erklären. Demnach kann seelischer Stress körperliche Reaktionen hervorrufen.
  • Stresstheorie: Laut dieser Theorie führt die erhöhte Kortisolausschüttung eines dauerhaft unter Stress stehenden Körpers dazu, dass das Immunsystem geschwächt wird, was wiederum der Grund für körperliche Beschwerden sein kann. Kortisol ist ein in Stresssituationen notwendiges Hormon, das hilft, dem Körper Energie zur Verfügung zu stellen. Wird davon aber zu viel produziert, kann sich das auch negativ auswirken, so auch bei chronischem Stress.

So wie Isabel geht es vielen Menschen. Rund 16 Prozent der deutschen Bevölkerung leiden unter Flugangst, 22 Prozent fühlen sich zumindest unwohl, wenn sie in ein Flugzeug steigen.

Ursachen von Flugangst

Die Ursachen einer Phobie und konkret von Flugangst können sehr unterschiedlich sein. Angst kann durch ein spezifisches, traumatisierendes Ereignis ausgelöst werden. In Bezug auf Flugangst kann es sich dabei beispielsweise um einen vergangenen Flug mit besonders starken Turbulenzen handeln. Auch ein medial stark verbreiteter Flugzeugabsturz kann ein solcher Auslöser sein. Flugangst kann aber auch ohne einen besonderen Auslöser entstehen. Grund ist dann meist die Angst vor dem Kontrollverlust. So ist das auch bei Isabel. „Es ist eine Mischung aus der Situation, die ich nicht kontrollieren kann – also ich kenne den Kapitän nicht – und ich sitze da einfach nur drin. Ich hab keine Kontrolle darüber, es gibt auch keinen Ausweg, wenn irgendetwas passieren würde. Ich muss mich auf jemand anderen verlassen.“

Wie äußert sich Flugangst?

Flugangst ist nicht gleich Flugangst, nicht alle Betroffenen empfinden sie gleich. Manche fürchten nur Start und Landung, manche die Turbulenzen und manchen bereitet die Flugangst schon Wochen vor dem Flug schlaflose Nächte. Es können klassische Symptome von Angst- und Panikstörungen vorkommen: Herzrasen, Schwitzen, Anspannung, Atembeschwerden, Verdauungsprobleme sowie Schlafstörungen. Dieselben Symptome zeigen sich auch während eines Fluges. Betroffene sind während des Fluges oft nicht ansprechbar, klammern sich an ihrem Sitz fest, essen und trinken nicht. Geräusche oder Auffälligkeiten werden verstärkt wahrgenommen, insbesondere dann, wenn die Angst vor einem technischen Defekt und einem damit verbundenen Flugzeugabsturz groß ist.
Auch Isabel hat eine ganz bestimmte Position gefunden, die sie bei einem Flug einnimmt – wenn sie sich ins Flugzeug traut. Diese Position soll ihre helfen, ihre Angst beim Fliegen unter Kontrolle zu behalten. Sie nennt das ihre Angstposition. „Ich habe meine Augen zugekniffen, ich habe mir meine Ohren zugehalten und ich habe mich irgendwie zur Seite gedreht. Ich wollte mir so die Vorstellung davon geben, dass ich gerade nicht in einem Flugzeug bin.” Inzwischen hilft aber selbst das nicht mehr gegen ihre Aviophobie. Als sie das letzte Mal geflogen ist – nach Italien – war die Flugangst für sie so schlimm, dass sie auf dem Rückweg den Bus genommen hat. Trotzdem hofft Isabel, dass sie ihre Angst überwinden und irgendwann wieder in ein Flugzeug steigen und in den Urlaub fliegen kann. „Ich glaube es würde nur irgendwann wieder funktionieren, wenn ich es aktiv von mir aus machen würde. Dass ich ganz spontan von mir aus sagen würde, heute fühle ich mich irgendwie bereit dafür.”

Welchen Einfluss die Corona-Pandemie auf das Fliegen hat

Die Corona-Pandemie hat neben der klassischen Flugangst bei vielen Menschen weitere Ängste im Zusammenhang mit dem Thema Fliegen ausgelöst. Viele Menschen trauen sich nicht, zu fliegen, da sie Angst haben sich im Flugzeug mit dem Corona-Virus anzustecken. Rund 60 Prozent der Befragten einer Umfrage des Spiegel bestätigten diese Angst. Die Angst vor der Ansteckung ist jedoch zu differenzieren von der tatsächlichen Aviophobie.

Was kann man gegen Flugangst tun?

Isabel akzeptiert ihre Flugangst, aber eingeschränkt fühlt sie sich trotzdem: „Vor allem, wenn immer alle von schönen Reisen erzählen. Irgendwie gehört das ja heute auch dazu und man will das ja auch.” Isabel hat auch versucht, an ihrer Flugangst zu arbeiten – mittels Hypnose. Geholfen hätte das aber leider nichts. Eine Phobie zu überwinden ist nicht immer einfach. Zur Behandlung von Flugangst hat sich die kognitive Verhaltenstherapie jedoch als sehr wirksam erwiesen. Zum einen lernen Betroffene, wie sie Gedanken in Bezug auf ihre Phobie umbewerten können und sie bekommen verschiedene Entspannungstechniken an die Hand. Zum anderen wird sehr intensiv mit Exposition, also mit Konfrontation gearbeitet. Das bedeutet, Betroffene werden dem angstauslösenden Reiz gezielt ausgesetzt, bei Flugangst müssen sie fliegen. Das passiert Schritt für Schritt, so dass eine Gewöhnung an den Reiz stattfinden kann. Im Zusammenhang mit Flugangst bedeutet das, dass Betroffene in Einzel- oder Gruppensettings und in Begleitung eines Therapeuten einen gemeinsamen Flug absolvieren, nachdem sie in vorhergehenden Seminaren und Übungen darauf vorbereitet wurden. Durch das gemeinsame Fliegen sollen die Angst und die Symptome der Aviophobie reduziert werden. Dennoch gilt, dass die psychotherapeutische Behandlung von Flugangst mittels kognitiver Verhaltenstherapie oder Gruppenseminaren am effektivsten ist.

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Quellen

1. Deutschlandfunk (2020). Verena Kantrowitsch. Psychologin: “Bei Flugangst – Augen auf und durch”. Online verfügbar unter https://www.deutschlandfunknova.de/beitrag/flugangst-psychologin-verena-kantrowitsch-raet-augen-auf-und-durch [13.07.20]

2. Der Spiegel (2020). Nur wenige Deutsche wollen in den kommenden Monaten fliegen. Online verfügbar unter https://www.spiegel.de/wirtschaft/umfrage-zu-flugreisen-nur-wenige-deutsche-wollen-in-den-kommenden-monaten-fliegen-a-a4e709df-4265-467b-85f2-4c87504de9fc [15.07.20].

3. Gesundheit.gv.at. Öffentliches Gesundheitsportal Österreichs (o.J.). Psychosomatik: Was ist das? Online verfügbar unter https://www.gesundheit.gv.at/krankheiten/psyche/psychosomatik/was-ist-das [14.07.20]

4. Schindler, B., Abt-Mörstedt, B., & Stieglitz, R.D. (2017). Flugangst und Flugphobie: Stand der Forschung. Verhaltenstherapie, 27(1), 35-43.

5. Schindler, B. (2018). CME: Flugangst und Flugphobie. Praxis.

Felicitas Eva Lindner

Felicitas Eva Lindner